26.03.2019

Wenn Gebäude lange Zeit existieren, können sie natürlich Geschichten erzählen. Und wenn sie dann irgendwann abgerissen werden, ist ein Rückblick auf alles, was in diesen Mauern so geschehen ist, mehr als eine historische Betrachtung. Es ist ein würdiger Abschied und auch eine Möglichkeit, Danke zu sagen. Heute möchten wir dem Düsseldorfer Franziskanerkloster Danke sagen. Danke dafür, dass es in so vielen Jahren so vielen Menschen eine Heimat gegeben hat. Begleiten Sie uns auf eine Reise und entdecken Sie ein Stück Düsseldorfer Heimatgeschichte.

Die Franziskaner

Den Franziskanerorden kennt man. Vielleicht nicht unbedingt im Detail, aber der Name ist eigentlich den meisten Menschen geläufig. Deshalb steigen wir mit ein bisschen Aufklärungsarbeit in unsere heutige Heimatgeschichte ein. Damals, im Mittelalter, so im 11./12. Jahrhundert, setzte eine Welle von Stadtgründungen ein. Auch Düsseldorf bekam 1288 die Stadtrechte verliehen. Damit einher ging eine Landflucht, wie wir sie auch aus heutiger Zeit kennen. Menschen verließen ihre Dörfer, um in den Städten das große Glück oder zumindest etwas zu Essen zu finden. Die Aussichten waren großartig: in den Städten gab es den Markttag, es wurde Handel getrieben, hier „tobte“ das Leben. Dass manch einer auch in der Stadt unter bitterer Armut litt, ist bekannt. Nicht nur Träume blieben oftmals auf der Strecke, sondern auch die Seelsorge – die meisten Klöster befanden sich nach wie vor auf dem Land. Franziskus von Assisi (1182/1281 – 1226) gehörte zu denen, die in die Städte gingen, die dort predigten, wo die Menschen ihm zuhörten. Er selbst lebte ohne Vermögen streng nach dem Vorbild Jesu Christi. 1209 gründete er den Bettelorden der Franziskaner. Sie waren Seelsorger, Lehrer und Helfer in einem. Und sie lebten von dem, was man ihnen spendete – deshalb auch die Bezeichnung Bettelorden. Schließlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Klöster auch in den Städten erbaut wurden. Zuerst entstanden die Dominikanerklöster. Für die Franziskaner war es nicht so leicht, Klöster zu gründen und zu bauen, denn ein zentrales Gebot ihres Ordens war ja die unbedingte Armut und damit einhergehend der Verzicht auf Eigentum. Zwar wurden nach und nach Klöster errichtet, doch der Unmut darüber gärte unter den Brüdern weiter. Der Streit eskalierte, als man Franz von Assisi nach seinem Tode ein prunkvolles Grabmal baute, das für viele in Widerspruch zu seinen Lehren der Armut stand. Es kam zur Spaltung des Franziskanerordens in die Konventualen (Minoriten), denen ein gemeinschaftlicher Besitz erlaubt wurde, und die Observanten (Franziskaner), die eine möglichst enge Befolgung der Regeln des Franziskus anstrebten. Sie bilden bis heute die größere Gruppe.

Willkommen in Düsseldorf

1651 fande die Franziskaner auch in Düsseldorf ein Zuhause. Sie errichteten auf der sogenannten Zitadelle an der heutigen Citadellstraße eine Klosteranlage mit Kirche, Klausur, Schule, Wirtschaftsräumen und Klostergarten. Unterstützt wurden sie dabei von Kurfürst Jan Wellem. Die Franziskaner widmen sich der Armenfürsorge, der Krankenpflege, der Unterweisung sowie des Predigens in musikalisch-festlicher Liturgie. Und die Düsseldorfer nehmen die Angebote der Franziskaner gerne an: bereits um 1700 wurden Kirche und Kloster zu klein für die stark gewachsene Düsseldorfer Bevölkerung, einzelne Gebäude waren bereits baufällig. Folgerichtig wurden ein Kirchenneubau und die Renovierung des Klosters geplant. Die Arbeiten werden 1743 abgeschlossen. Das neue Kloster bot 36 Franziskanern Platz und beherbergt eine Sakristei, eine Krankenstation und ein Brauhaus. Im Zuge der Säkularisation, also der Aufhebung kirchlicher Institutionen und der Verstaatlichung ihres Besitzes, wurden die kirchlichen Orden aufgelöst. Und so wurde 1804 auch das Franziskanerkloster aufgehoben und zu einer Pfarrkirche umgewidmet. Pläne, Kirche und Kloster einfach abzureißen, konnten von den aufgebrachten Düsseldorfern verhindert werden. Das änderte aber nichts daran, dass die Franziskaner die Citadelle verlassen müssen. Einige Brüder bleiben aber in Düsseldorf und arbeiten als Pfarrer oder auch als Lehrer.

Hin und weg

50 Jahre später waren die Franziskaner wieder zurück. Am 11. August 1852 erwarb der Gründungsverein ein Grundstück im Bereich der heutigen Kloster-/Ost-/Immermann-/Charlottenstraße – damals keine gute Gegend, eher eine „Zufluchtsstätte für lichtscheues Gesindel“, wie Quellen berichten. Hier war man seines Lebens nicht sicher: Räuber und Mörder trieben ihr Unwesen, zwar nicht so brutal wie 1888 Jack the Ripper in London, aber nicht weniger tödlich. Verkauft wurde das Grundstück von der Witwe Agnes Heuser, die so den Franziskanern, die seit der Säkularisation kein Kloster mehr in Düsseldorf hatten, eine Rückkehr ermöglichte. Die Umbauarbeiten begannen sofort: aus der baufälligen Scheune wurde eine Notkirche, aus dem Stall ein Wohnhaus und am 18. August 1853 konnten Kirche und Kloster eingeweiht werden.
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Notkirche um 1855
Schon nach kurzer Zeit entstanden rund um das Kloster neue Häuser, die Gegend wurde zunehmend sicherer, der vormals schlechte Ruf war passe. Es wurde eifrig weitergebaut und 1860 war die Kirche fertiggestellt. 2000 Menschen fanden hier nun Platz. Es muss ein ziemlich eindrucksvoller Bau gewesen sein. Mit Figuren aus Marmor, einem Altar aus Stein, eine Orgel, wunderschönen Schnitzarbeiten an den Seitenaltären, Kanzel und Chorflügeltüren. Die Patres hielten Gottesdienste, Andachten und Predigten, sie spendeten das Sakrament und halfen den Armen und Bedürftigen. Bis zum 31. Mai 1875. An diesem Tag trat im Zuge des preußischen Kulturkampfes das „Gesetz, betreffend die geistlichen Orden und ordensähnlichen Kongregationen der katholischen Kirche“ in Kraft. Mit dem Klostergesetz wurden alle Orden in Preußen verboten, die sich nicht ausschließlich der Krankenpflege widmeten. Das traf auf die Düsseldorfer Franziskaner aber leider nicht zu, deshalb mussten sie am 15. August 1875 das Kloster verlassen. Halb Düsseldorf war auf den Beinen, um die Franziskaner zu verabschieden. Fünf Brüder blieben in Düsseldorf und erhielten ein Wohnrecht im Kloster, durften aber nur Zivilkleidung tragen. Der Kulturkampf dauerte mehr als fünf Jahre. Am 21. Juli 1887 erlaubte das Berliner „Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten“ die Wiedereröffnung des Düsseldorfer Franziskanerklosters. Patres (Mönche mit Priesterweihe) und Fratres (Mönche ohne Priesterweihe) kehrten zurück und bereits zum Jahresende lebten wieder 29 Franziskaner in Düsseldorf.
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Blick zur Klosterstraße um 1890

Die Welt am Abgrund

Der 1. Weltkrieg – wie jeder Krieg veränderte auch er das Leben aller. Die Klosterbrüder mussten einrücken, manche als Militärgeistliche, andere als Krankenpfleger und wieder andere als gemeine Soldaten. Im Klostergebäude wurde ein Lazarett eingerichtet, das Platz für rund 30 Verwundete bot.
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Lazarett im Ersten Weltkrieg um 1915
Nach dem Krieg gab es eine kurze Phase, in dem das Klosterleben halbwegs normal vonstatten ging. Doch dann kamen die Nationalsozialisten. Sie versuchten, die Arbeit der Franziskaner massiv einzuschränken. So untersagte 1938 der Düsseldorfer Polizeipräsident die Armenspeisung im Klosterhof, weil die Menschenschlange vor dem Kloster angeblich den Straßenverkehr beinträchtige. 1940 musste das Refektorium für den Sicherheitsdienst geräumt werden, 1941 wurde die Klosterbibliothek in den Keller des Gartenflügels verlegt, die Hälfte des Klostergartens musste für den Bau von öffentlichen Luftschutzbunkern abgetreten werden – die übrigens nie gebaut wurden. Aber die Franziskaner ließen sich nicht unterkriegen und haben ihre Arbeit so gut es ging weitergeführt. Sie haben beispielsweise Obdachlose aufgenommen und sie in Zellen der Brüder untergebracht, die an der Front waren. In der Nacht zum Pfingstsamstag, am 12. Juni 1943, kamen bei einem Großangriff etwa 12.000 Menschen ums Leben, über 2.000 wurden verwundet und 140.000 wurden obdachlos. Das Kloster und sämtliche umgebenden Straßen standen in Flammen, alles wurde zerstört.
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Blick vom Klostergarten zur Oststraße um 1945

Alte Heimat, neue Heimat

Der Wiederaufbau des Franziskanerklosters begann 1946, die Einweihung der neuen Kirche fand am 16. Februar 1947 statt. 1955-1956 wurden die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Klostergebäude und die Kirche durch Neubauten ersetzt. Federführend hat der Architekt Heinz Thoma die neue Klosteranlage entworfen. Der Grundriss auf den alten Fundamenten wurde beibehalten, die Anbauten aber verschwanden. Schlicht und einfach sollte es werden, ohne Zierrat und ohne Schnickschnack, ganz Sinne des Ordensgründers Franz von Assisi. 1949 wurde der Klosterbau fertig gestellt, im gleichen Jahr auch der Wohntrakt. 1955 konnte mit dem Bau der neuen Kirche begonnen werden, und schon ein Jahr später, am 28. Oktober 1956 wurde die neue Klosterkirche der Franziskaner feierlich eröffnet.
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Franziskanerkloster um 1960
Zum letzten Mal feierte der Franziskanerorden im November 2014 eine Messe in der Klosterkirche. Das Kloster musste verkauft werden, weil die notwendige Sanierung nicht finanziert werden konnte und die Gebäude für die nur noch vier Mönche schlichtweg zu groß waren. Der Erlös soll laut Ordensleitung vor allem der Alterssicherung der Ordensbrüder in Deutschland dienen. 2017 schließlich kam der Abriss. Jetzt entsteht etwas Neues im Herzen von Düsseldorf, ein Projekt, das hoffentlich vielen Menschen eine neue Heimat bietet. Gebaut wir ein neues Stadtquartier mit Büros und verschiedenen Gewerben sowie dringend benötigtem Wohnraum. Bis Ende 2019 sollen sechs Mehrfamilienhäuser mit 81 Eigentumswohnungen, 38 sozial geförderte sowie 25 preisgedämpfte Wohnungen entstehen. Noch in der Planung ist ein Bürohochhaus mit 14 Geschossen und einer Mietfläche von 5300 Quadratmetern, wovon 630 Quadratmeter zur gastronomischen Nutzung vorgesehen sind.   Die Franziskaner setzen ihre soziale, pastorale und seelsorgliche Arbeit fort. Sie haben an anderer Stelle im Stadtgebiet eine neue Heimat gefunden.
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Blick von der Oststraße 2019

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Anne Richter
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